Literatur2018-07-11T11:01:11+00:00

Literarisches Schreiben

Kluge Dia­gnosen einer Psy­cho­login: Ruth Wittig über­zeugt mit dem Erzähl­band „Camou­flage“ als sub­tile Beob­ach­terin unschein­barer mensch­li­cher Dramen.“
Alex­ander Sury, Der Bund

Das lite­ra­ri­sche Schreiben spielt seit einigen Jahren eine wich­tige Rolle in meinem Leben. In der Antho­logie „Kopf Hand Werk“ konnte ich 2010 den Bei­trag „Fische oder Bibel“ plat­zieren. Mein Erzähl­band „Camou­flage“ erschien 2014. An den Solo­thurner Lite­ra­tur­tagen war ich zweimal mit Lesungen ver­treten (OpenNet-Wett­be­werb 2012 und Ein­zel­le­sung im Haupt­pro­gramm 2014). Zur Zeit arbeite ich an einem Roman­ma­nu­skript mit dem Arbeits­titel „Zu dritt“. Meine Schreib­sprache ist deutsch. Zwei Geschichten aus „Camou­flage“ wurden von einer Kol­legin ins Fran­zö­si­sche über­setzt.

Inter­view Regio­nal­journal Juni 2014

Leseprobe aus „Camouflage“

Reichengasse

Ein Bijou“, hatte der Makler zu ihr gesagt, „genau das Rich­tige für Sie“. Als sie das Objekt besich­tigt hatte, war strah­lender Son­nen­schein gewesen. Der Makler, der vor ihr gekommen war, hatte alle Lampen ange­zündet und die Spros­sen­fenster auf­ge­rissen, weisses Win­ter­licht strömte herein. Er führte sie herum, als habe er die Woh­nung eigens für sie bauen lassen. Drei Zimmer auf zwei Etagen, Wohn­küche, Ter­rasse, alles neu reno­viert, das Bad sei gefangen, ma foi, er hob die Hände, aber schwarz geka­chelt und es habe ein Bidet. Sie könne sofort ein­ziehen. Erminia ent­wand sich seinem Blick, den er wie eine schwere Hand auf ihren Körper gelegt hatte und trat ans Fenster. Sie hatte ihre Zweifel, ob dieser Mann wusste, was das Rich­tige für sie war, aber der Aus­blick ver­zau­berte sie und aus­serdem, was sie ihm nicht sagen würde, hatte er in diesem Punkt nicht unrecht. In den ehe­ma­ligen Patri­zi­er­häu­sern der Rei­chen­gasse wohnten die, die es auf der rich­tigen Seite des Lebens zu etwas gebracht hatten: mun­tere Sin­gles oder unkon­ven­tio­nelle Patch­work-Fami­lien, Kunst­hand­werker, Kul­tur­leute und links­li­be­rale Poli­tiker. Berlin-Mitte oder Green­wich Vil­lage, nur in klei­nerem Mass-Stab, à la Suisse eben. Man traf sich sams­tags auf dem Markt oder zum Espresso bei Frédérik, die Männer trugen far­bige Hosen und ihre Haare, falls sie welche hatten, standen genau im rich­tigen Winkel vom Kopf ab. Der Gipfel ent­spannter Per­fek­tion, fand Erminia. Aber das, was letzt­lich den Aus­schlag gab, war die Aus­sicht: der Blick auf den Fluss, der sich im Lauf von Jahr­tau­senden in die Sand­stein­schichten ein­ge­fressen hatte, die mitt­lere Brücke, den Trep­pen­giebel der Kom­man­dantur und die Zie­gel­dä­cher der unteren Alt­stadt, die noch vor siebzig Jahren, als ihre Gross­el­tern in die Stadt gekommen waren, ein Pro­blem­quar­tier gewesen war mit drang­voller Enge und kata­stro­phalen sani­tären Zuständen und wo Wohn­raum heute zu Phan­ta­sie­preisen gehan­delt wurde. Die Rei­chen­gasse, nomen est omen, war schon immer ein Edel­quar­tier gewesen. In den Woh­nungen der Rei­chen­gasse hatte ihre Mutter sau­ber­ge­macht. Santo cielo che casino, hatte sie gesagt, wenn sie nach Hause gekommen war, und wenn das Kind, das es mal besser haben sollte, sie begleiten durfte, hatte es sich gewun­dert, dass die Schweizer, die ihrer Mutter Arbeit und Lohn gaben, so wenig Möbel hatten. Sie erin­nerte sich an Bücher, Bilder, staub­be­deckte Laut­spre­cher­boxen und Zimmer mit zwei­farbig gemus­terten Holz­böden, in denen, wie beim Zahn­arzt, nur eine Lampe und eine Liege standen. Am Hang gegen­über sah sie wei­dende Schafe, die Steil­wand mit der Loretto-Kapelle oben­drauf und dahinter die Berge. Erminia hatte nicht lang über­legen müssen. Der Miet­zins war hoch, aber das konnte sie sich leisten und aus­serdem war es Zeit, zuzu­pa­cken, wenn es im Leben etwas zu packen gab.

© Pau­lus­verlag Freiburg/Schweiz, 2014

Camou­flage von Ruth Wittig, Paulus Verlag